Lilli Fine Dining
Fehring ist kein Ort, an dem man einen Michelin-Stern erwartet. Vielleicht ist genau das der richtige Ausgangspunkt.
Das Lilli Fine Dining liegt im steirischen Vulkanland, weit weg von Wien, weit weg von Graz, weit weg von allem, was man gemeinhin als kulinarisches Zentrum bezeichnet.
Und doch entsteht hier eine Küche, die keine Rechtfertigung braucht.
Walter Triebl kocht mit dieser Haltung.
Seine Gerichte entstehen nicht aus dem Wunsch, aufzufallen.
Sie entstehen aus dem Wunsch, zu stimmen.
Vier, fünf, sechs Gänge, je nachdem, wie viel man sich Zeit nimmt.
Aber immer mit demselben inneren Rhythmus: Hier wird nichts aufgedrängt.
Kein Element kämpft um Aufmerksamkeit.
Stattdessen führt jeder Gang einen Gedanken weiter, den der vorige begonnen hat.
Istrischer Thunfisch mit Ponzu, Gurke und Jungzwiebel
Das ist ein Gericht, das weiter reist als sein Ursprung vermuten lässt.
Die Säure der Ponzu zieht den Thunfisch aus sich heraus, ohne ihn zu überwältigen.
Gurke setzt Kühle dagegen, Jungzwiebel gibt Schärfe und Frische zugleich.
Was dabei entsteht, ist kein Fusion-Konzept, sondern ein Gespräch zwischen Produkten, die einander etwas zu sagen haben.
Präzise komponiert, offen im Abgang.
Kohlrrabitascherl I Pistazie I Hafermilch I Gartenkräuter
by Walter Triebl
Die Kohlrabitascherl mit Hafermilch, Pistazie und Gartenkräutern erzählen eine andere Geschichte
– eine stillere
Das Gemüse steht im Mittelpunkt, nicht als Beilage, nicht als Statement, sondern weil es das kann.
Die Hafermilch bringt eine leichte, pflanzliche Cremigkeit, die Pistazie gibt Tiefe ohne Schwere, die Gartenkräuter öffnen den Teller nach oben.
Ein Gang, der zeigt, dass Reduktion keine Verzicht-Entscheidung ist, sondern eine Haltung.
Was Michelin in seiner Auszeichnung vom 18. März 2026 besonders hervorhebt, ist kein Zufall:
die Auswahl regionaler Produkte.
Triebl arbeitet mit dem, was die Südoststeiermark hergibt – und zwar nicht als Konzept, sondern als Überzeugung. Regionalität ist hier kein Versprechen auf der Speisekarte. Sie ist die Stille, aus der seine Küche heraus denkt.
Das Lilli Fine Dining ist der noble Ableger eines Wirtshauses.
Auch das ist kein Widerspruch, sondern ein Schlüssel zum Verständnis. Wer aus der Wirtshausküche kommt, weiß, was ein Gericht tragen muss: Es muss ehrlich sein. Es darf nicht lügen. Kein Firlefanz, der Substanz ersetzt. Triebl hat diese Ehrlichkeit behalten – und ihr Präzision hinzugefügt.
An diesem Punkt berührt sich seine Arbeit mit Herbeus Greens. Die Greens erscheinen auf seinen Tellern nicht als Deko, nicht als grüner Schlusspunkt, den man aus Gewohnheit setzt. Sie sind ein Eingriff. Ein Blatt, das Frische verlängert. Eine junge Triebspitze, die einem Gericht Richtung gibt, bevor es sich verliert. In einer Küche, die so stark über Stimmigkeit funktioniert, ist genau diese Präzision entscheidend.
Herbeus bringt dabei keine romantische Naturidee auf den Teller. Sondern Genauigkeit. Frische als Struktur, nicht als Symbol. Ein Moment, der fokussiert, statt zu erklären.
Am Ende bleibt kein spektakuläres Einzelgericht im Gedächtnis, sondern etwas Ruhigeres: das Gefühl, dass hier sehr bewusst gearbeitet wird. Dass jede Entscheidung getroffen wurde – nicht aus Routine, sondern aus Überzeugung. Man verlässt das Lilli Fine Dining nicht mit dem Hunger nach mehr, sondern mit dem Eindruck, dass es genau richtig war.
Ein Stern über Fehring. Verdient. Ruhig. Ohne große Geste.
Genau deshalb steht Walter Triebl diesen Monat auf der Bühne der Perfektion.